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Gelegentliche Gebäudebrüter

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(Certhia brachydactyla)

Foto: Dieter Goebel-Berggold, fotocommunity.de, fc-foto 1132086606*

Ein Oktobertag in der Goethestraße, mitten in München, wo mehr prunkvolle Jugendstil-Villen und modernere Gebäude als alte, jetzt bunt belaubte Bäume die Stadtlandschaft beherrschen. Von meinem Bürofenster aus blicke ich auf eine ruhigere Seiten-straße, wo mehrere Häuserwinkel den Motorenlärm der Hauptver-kehrsader drosseln und genügend Gehör für die Laute der Vögel offen lassen. Ich traue meinen Ohren nicht, als sich in das Keckern der Kohlmeisen, der häufigsten Kleinvögel im vegeta-tionsarmen Citybereich, mehrmals vernehmlich ein stotternd ansetzender, schnell auf- und absteigender Triller mischt: Si-si-si-titiroi-ti ! Das einfache Liedchen wiederholt sich jedes Mal in etwas größerer Höhe von einem Baum herab. Unverkennbar der Gesang eines Gartenbaumläufers – obwohl man das Vögelchen schon seines Namens wegen in einem so lichten Baumbestand kaum erwarten würde.

Lebensraum Rinde

Leicht ist der Gartenbaumläufer nicht zu entdecken, trotz seines beweglichen Gehabens. Seine rindenfarbige Tarnung verbindet er mit der Gewohnheit, in Spiralen am Stamm empor zu klettern, zu einem wirksamen Versteckspiel. Mit seinen gestreiften Braun-, Schwarz- und Weißtönen, der treppenartig zusammengefalteten hellgelben Flügelbinde und den kontrastiven schwarz-weißen Schwingen-Abzeichen passt sich sein Gefieder hervorragend dem Untergrund an, auf dem der kaum spatzengroße Singvogel nahezu sein gesamtes Leben in der Senkrechte verbringt. Der dünne Sichelschnabel ist das geeignete Werkzeug, um Insekten, Larven und Puppen aus den Spalten der Borke zu holen. Lange, scharf gebogene Krallen und verlängerte steife Stützfedern am Schwanz geben dem Gartenbaumläufer den notwendigen Halt.

Foto: HaJo Effertz, fotocommunity.de, fc-foto 5115258 *


Wie sehr der Baumläufer an seine Lebensweise angepasst ist, zeigt auch sein typisches Ver-halten bei der Nahrungssuche. Er beginnt von den Wurzeln aus am Baum empor zu huschen und klettert wie auf einer Wendeltreppe in den Kronenbereich empor, wo er oft an einem Hauptast weiterläuft. Anschließend fliegt er zum Fuß eines anderen Baumes und beginnt seinen Aufstieg von neuem.

Hinter der Borke findet der Kletterakrobat nicht nur sein Futter, hier liegen auch seine ursprüng-lichen Brutplätze. In einem ausreichend großen und tiefen Spalt hinter einem abstehenden Rinde-fetzen legt das Pärchen zunächst ein tragendes Fundament aus länglichen Zweigen, auf dem es anschließend Halme und Flechtenstückchen mit Spinnseide zu einem weichen Nest verwebt. In der Borkentasche ziehen die Vögel bis zu zwei Bruten im Jahr auf. Gartenbaumläufer sind strenge Jahresvögel und territoriale Einzelgänger, doch haben sie ihre eigene Strategie entwickelt, um besonders kalte Frostnächte zu überstehen: Mehrere Vögel, in einem bekannten Fall bis zu 15, kuscheln sich in ihrem Versteck zu einem Wärmeknäuel zusammen und stecken die Köpfe tief ins Rückengefieder.

Foto: Hans-Wilhelm Grömping, fotocommunity.de, fc-foto 4988160 *


Vom Baum zum Bau

So spezialisiert der Gartenbaumläufer in seiner Anpassung ist, so flexibel versteht er es doch, menschliche Ersatzlebensräume in seine Biotop-Ansprüche einzubeziehen und bis in die Innen-städte vorzudringen, dorthin freilich in sehr geringer Bestandsdichte. Am häufigsten ist der Kletter-vogel in lichten Altbaumbeständen, in alten Obstgärten, Auwäldern und Flussgehölzen, wo er ein großes Insektenangebot und ausreichend Nistplätze findet. Der zum Verwechseln ähnliche Wald-baumläufer, die Zwillingsart, bevorzugt geschlossene Wälder mit hohem Nadelbaumanteil und kommt bis in die Alpen vor, während der mehr wärmeliebende Gartenbaumläufer zum Kulturfolger geworden ist.

In Gärten und Städte treibt ihn sicherlich der Mangel an natürlichen Nistplätzen und Lebensräu-men. Wo Rindespalten fehlen, kann man ihm mit einem speziellen Baumläufer-Nistkasten ein Ersatzangebot machen. Dieser hat eine halbrunde Form und wirkt wie in der Mitte abgeschnitten, damit er sich der Rundung des Baumstamms angleichen kann. Auf einer Seite schließt der Rand des Kastens nicht ganz mit dem Untergrund ab. Durch diesen Spalt kann der Baumläufer in den Hohlraum zwischen Kasten und Rinde einschlüpfen.
(Bild folgt)

Auch in Holzstößen, Dachkästen (s. Mauersegler, Haussperling, Blaumeise) oder hinter Holzver-schalungen baut der tarnfärbige Insektenfänger seine Nestverankerung. Dabei kommen ihm die waagrechten Halterungen zu Gute, die die Verschalungsbretter weniger Zentimeter unter deren oberem Rand mit dem Mauerwerk verbinden. Wo die Verschalung nicht ganz an die Dachlatten anschließt, genügt der Zwischenraum dem Baumläufer meist zum Einschlüpfen.

Wie ich selbst beobachten konnte, hinterlässt die Baumläufer-Familie, ähnlich den Mauerseglern, kaum Schmutz an der Wand. Bis zu zwei Mal, von April bis Juni, können die Altvögel in dem siche-ren Versteck Junge aufziehen. Die in Lebensweise und Körperbau etwas extravaganten, wegen ihrer Unauffälligkeit nicht allen Menschen bekannten Vögelchen am eigenen Haus zu beobachten ist eine reizvolle und interessante Angelegenheit. Trotz ihrem spechtähnlichen Verhalten hacken sie keine Löcher in die Fassade (s. Sonderfall Buntspecht) – wie sollten sie das auch mit ihren nadelfeinen Schnäbeln tun, die nur zum Stochern in Rindespalten und Moos, nicht zum Hacken geeignet sind.

Eine von oben zugängliche Holzverschalung bei einem Wandabstand von nur drei Zentimetern ist ein guter Nistplatz für Baumläufer, ebenso für Haussperlinge und an höheren Gebäuden auch für Mauersegler.
Von unten anfliegbar, wird die Verkleidung auch gerne von Zwergfledermäusen angenommen, die dort mehrköpfige Wochenstuben anlegen. Den durchfallenden Kot kann man auf einer Papp-Unterlage sammeln und als stickstoffeichen Dünger ins Blumenbeet oder in den Balkonkasten streuen!

Trotzdem: Wollen wir die Baumläufer dauerhaft in unserer Nachbarschaft, müssen wir alte Bäume in unseren Gärten nach Möglichkeit stehen lassen. Sie sind und bleiben der ursprüngliche Le-bensraum des Gartenbaumläufers. Wenn ein solcher Baum-Veteran einmal morsch wird und Risse bekommt, kann sich ein Vogelpärchen auch wieder unter seiner Borke ansiedeln.


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