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(Ciconia ciconia) --- Vogel des Jahres 1994


Foto: LBV-Archiv A6608-1, Z. Tunka


Las Cigueñas

Außer der Amsel dürfte den Menschen kein anderer Vogel so geläufig sein wie der Weißstorch – das „Urbild“ der Störche schlechthin. Und dies, obwohl er nach wie vor eine stark bedrohte Art ist, die nur noch in wenigen, meist vereinzelten Populationen in Deutschland brütet.

Die größten Storchenvorkommen erlebte ich während einer Bildungsreise auf dem Jakobsweg in den nordspanischen Provinzen Navarra, La Rioja, Aragon, Burgos und Asturien. Inmitten der Rioja-Hauptstadt Logroño, in der Größe etwa Regensburg vergleichbar, sah ich die majestätischen schwarz-weißen Stelzvögel vom Ebro herauffliegen und im langsamen Segelflug auf ihren Horsten niedergehen, wo sie sich mit ihren Brutpartnern in einem hallenden Klapperkonzert begrüßten.
Einer der ausladenden Reisighorste thronte auf dem Mauerabsatz der Kathedrale, die über dem Eingangsportal eine überlebensgroße Reiterstatue des „Santiago Matamoros“ zeigt, des mit Pil-gerhut und Pelerine bekleideten Heiligen Jakob, der die Muslime ersticht zum plakativen Triumph der Christenheit. Mit der Reconquista, der Rückeroberung der katholischen Gebiete Spaniens, ging bis zum Fall Granadas – der letzten Bastion der Mauren - im Jahr 1492 eine Jahrhunderte dauernde gemeinschaftliche Kultur von Juden, Muslimen und Christen zu Ende. Geblieben sind die Störche, die im Christentum und Islam gleichermaßen Wertschätzung als Segensbringer und Glücksbote genießen. Dass die Speisegebote im Judentum den Storch zu den kulinarisch unrei-nen Tieren zählen, bedeutet ebenfalls keine Abwertung – dem Vogel selbst kann es ohnehin nur recht sein.

Ob als „Meister Adebar“ in deutschen Kinder- und Volksmärchen oder Liedern (Adebar, althoch-deutsch: der durch die Sümpfe watet) oder als „Kalif Storch“ in orientalischem Erzählgut – kaum eine Vogelart hat mehr Niederschlag in literarischen Traditionen hinterlassen.

Die Bestandssituation: geteiltes Storchen-Deutschland

Doch auch als Sympathieträger kann eine Tierart nur überleben, wenn die Umweltbedingungen für eine größere, stabile Population ausreichen. Auf den ersten Blick sehen die Zahlen in Deutschland ermutigend aus: Seit 1984 – der Weißstorch war von LBV und NABU bereits zum zweiten Mal zum „Vogel des Jahres“ gewählt worden – ist der Bestand um etwa 39 Prozent angestiegen, ein Erfolg nachhaltiger Schutzbemühungen. Mitte der 80er Jahre hatte die deutsche Brutpopulation ihren Tief-stand von knapp 3.000 Paaren erreicht. Inzwischen sind es wieder etwa 4.500.

Foto. Heiner Dittmann, Icking

Gleichwohl ist die Lebensraumsituation für die anmutigen und imposanten Vögel in unserem Land noch immer geteilt: Die große Mehrheit der Paare nistet im ehemaligen Osten Deutschlands, etwa 78 Prozent. In den neuen Bundesländern findet der Storch noch größere kleinräumig struktu-rierte und bewirtschaftete Flächen, extensives Grünland im Wechsel mit Feuchtgebieten, die ihm zur Jungenaufzucht einen reich gedeckten Tisch an Fröschen, Mäusen, Reptilien und Großinsek-ten bieten. Dennoch ist der vergleichsweise hohe Bestand dort weniger aus sich selbst heraus als durch Zuwanderungen aus noch weiter östlich gelegenen Gebieten erwachsen. Polen ist nämlich bislang das Storchenland par excellence und beherbergt mit über 52.000 Paaren (nach dem Zen-sus von 2004) ein Viertel des Weltbestandes. Damit hat Polen die größte Verantwortung für den Er-halt der Vogelart, was auch zu den unabdingbaren Prämissen der EU-Agrarpolitik gehören sollte!

In Österreich konzentriert sich die Storchenpopulation (knapp 400 Paare) auf das Marchfeld an der Donau sowie auf das Burgenland am Neusiedler See. Während dort die Störche als typische Gebäudebrüter zum Bild der beschaulichen Ortschaften wie Rust gehören, nehmen sie in den ins Weltnaturerbe aufgenommenen Auwäldern entlang der Donau ihre natürlichen Brutplätze auf hohen, breitästigen Bäumen ein.

In einigen europäischen Ländern ist der Weißstorch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorübergehend ausgestorben, beispielsweise in der Schweiz. Die 140 Brutpaare, die 1900 gezählt wurden, waren 50 Jahre später verschwunden. Durch Aufzucht, Auswilderung und strengen Schutz ist die Zahl inzwischen wieder auf mehr als 211 Paare gestiegen.

Erfolgreiche Futtersuche   Fotos: Gerd Wellner


Die Zugrouten

Da Störche auffällige Erscheinungen am Himmel sind und als Thermikflieger tagsüber reisen, ist ihr jahreszeitliches Zugverhalten den Menschen früh aufgefallen. Schließlich zogen sie schon zu biblischen und noch früheren Zeiten über die Landverbindung zwischen Europa, Asien und Afrika hinweg. Ebenso verdichteten sich zehntausende an der Meerenge von Gibraltar, um im Herbst nach Süden oder im Frühjahr nach Norden zu ziehen. Die europäische Weißstorchpopulation teilt sich nämlich in eine Fraktion von Ost- und Westziehern.

Dies hängt mit ihrer speziellen Flugweise zusammen. Wie Segelflugzeuge nutzen die Störche den warmen Aufwind, die Thermik, um sich mit möglichst wenigen Flügelschlägen über weite Land-strecken tragen zu lassen. So sparen sie Energie, die sie bei ihrer Körpergröße und ihrem relativ hohen Gewicht schnell an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit bringen würden. Reiher und Kraniche, die landläufig oft mit den Störchen verwechselt werden, sind ihm Gegensatz zu ihnen Ruderflieger. Da sich aber nur Land stark genug aufheizen kann, um Thermikblasen himmelwärts zu schicken, meiden die Störche die Überquerung großer Wasserflächen. Dadurch kommt es an den beiden Mittelmeer-Engen zu so genannten Zugkonzentrationen mit Schwerpunkt Mitte August. Wenn mehrere hundert oder gar tausend Störche aus verschiedenen Ländern Europas und Zentralasiens in gegenläufigen konzentrischen Spiralen über dem Bosporus gen Himmel steigen, bieten sie einen atemberaubenden Anblick.

Entlang einer gedachten Linie vom Ijsselmeer in Holland bis Regensburg verläuft die Zugscheide. Vögel westlich dieser Grenze ziehen über Frankreich, Spanien und den Maghreb – wo der Südrand des Brutgebietes liegt – in den Savannengürtel Westafrikas. Die weiter südlich anschließende Regenwaldzone stoppt ihr weiteres Vordringen nach Süden.

Die Oststörche orientieren sich zunächst in Richtung des Schwarzen Meeres und lassen sich von der Küstenlinie Rumäniens und Bulgariens zum Bosporus leiten. In Griechenland brüten die Stelzvögel im Nordosten, sodass sie sich ohne Umwege in den Zugkorridor einklinken können.

Hat der Atem der Thermik die weißen Reisegesellschaften aufs kleinasiatische Festland über-gesetzt, geht die Route weiter über Anatolien, Syrien und den Libanon. Viele Störche nutzen die Aufwinde an den Hängen des Antilibanon-Gebirges, um sich über den Golf von Iskenderun aus der Türkei in den Nachbarstaat tragen zu lassen. Beim ägyptischen Badeort Sharm el-Sheik an der Südspitze der Sinai-Halbinsel kommt es einen Monat nach dem „International Stork Airport“ Istan-bul zu einer weiteren Konzentration. Die Thermik ist über der Wüste so kräftig, dass sie den Stör-chen ausreicht, das Rote Meer zu überqueren und die Reise über das Land der Pharaonen fort-zusetzen.

Weiter geht es das Niltal und die Nubische Wüste hinab in den Sudan. Südlich einer Linie, die etwa durch Karthoum verläuft, legen die Störche, den Senderdaten zufolge, einen mehrwöchigen Zwischenaufenthalt ein und machen sich in dieser Zeit als Vertilger von Wanderheuschrecken nützlich. Etwa Anfang Dezember erreichen die Vögel nach einer gut dreimonatigen Reise den Äquator. Ein Teil der Zugpopulation überwintert in den Baumsavannen Kenias und Tanzanias - die aus unseren Landen so vertrauten Vögel spielen dann Statisten im Großtier-Schauspiel der berühmten Nationalparks wie der Serengeti. Etliche aber finden immer noch nicht Ruhe von ihrem Zugtrieb und fliegen weiter bis Südafrika, manche sogar bis nahe ans Kap der Guten Hoffnung – weder der offene Ozean noch die 2000 Meilen südlicher gelegene Antarktis wären für die Landvögel erstrebenswerte Reiseziele.

Über die weiten und verlustreichen Zugwege haben die Wissenschaftler zuerst etwas erfahren durch den Fund so genannter „Pfeilstörche“. Für viele afrikanische Gesellschaften waren und sind Störche jagbares Wild. Mancher Storch überlebte jedoch einen Pfeil, der seinen Hals durchbohrte, ohne die Schlagader zu treffen, und schaffte es, mit der im Fleisch steckenden Waffe den Weg bis ins nördliche Mitteleuropa zu bewältigen. Der berühmt gewordene Pfeilstorch im naturhistorischen Museum von Danzig soll in seiner Heimat sogar noch gebrütet haben. Später wurden die Routen durch Beringung und dann via Satellitensender verfolgt. 2006 konnte ganz Deutschland neben der Fußball-WM und dem Schicksal von Braunbär Bruno auf dem Bildschirm die Reise der Störchin „Prinzeßchen“ verfolgen. Ein zweiteiliger Dokumentarfilm begleitete die gefiederte Prominente aus Lohburg in Sachsen-Anhalt bis in die Kapprovinz. In ihrem langen Leben hat Prinzeßchen gut zwanzig Mal Europa, Vorderasien und Afrika durchquert. Im Winter 2007/2008 starb die Störchin wahrscheinlich an Altersschwäche in der Nähe ihres Schlafplatzes, einer Zeder, die sie Jahr für Jahr mit unbeirrbarer Präzision wieder aufgesucht hat, über zehntausend Kilometer hinweg.

Brutverhalten

Wenn die Störche Anfang bis Mitte April ihre Horste wieder beziehen, hat sich die Natur schon so stark erwärmt, dass in den Wiesen und Feuchtgebieten ein reiches Nahrungsangebot von Groß-insekten bis zu Amphibien vorhanden ist und auch ein bis an die Fußgelenke reichender Früh-jahrs-Schneeschauer alsbald vorübergeht. Nun heißt es, rasch die vorjährigen Nester wieder zu besetzen oder als Erstbrüter neue Plätze auszutesten.

Weißstorchenpaare finden oft mehrere Jahre nacheinander am selben Brutplatz zusammen. Die Treue gilt aber nur dem Nest. Ist bei der Rückkehr der gleiche Partner wieder da, kommt es zur Paarung mit ihm. Findet sich ein Neuer ein, ist er der Auserwählte. Es sei, denn frühere, sich als rechtmäßiger Horstbesitzer fühlende Partner trifft ein paar Tage später ein – dann kommt es zu nicht selten blutigen und mitunter sogar tödlichen Kämpfen, bei denen die spitzen roten Schnäbel als Hieb- und Stichwaffen eingesetzt werden.

Wenn die Wogen geglättet sind, legt die Störchin vier bis sechs Eier, je nach dem Futterangebot der Umgebung. Die Jungen wachsen in etwa sechs Wochen zu eleganten Flügglingen heran, deren Schnäbel erst im Lauf des Winters ihre schwarze Hautoberfläche schälen und rot werden. Um den Erfolg des Ausfliegens zu erreichen, müssen die Eltern Unmengen an Nahrung im Kropf heran schaffen. An besonders heißen Sommertagen spenden sie ihren Jungen auf diesem Wege sogar Wasser.

Schutzmaßnahmen

Da Störche eine Gipfelposition in der Nahrungsgemeinschaft ihrer Lebensräume einnehmen und wegen ihrer Größe einen entsprechenden Futterbedarf haben, ist eine Vielzahl gemeinsamer An-strengungen zum Erhalt ihrer Bestände notwendig:


Der schwarze Bruder

Der Weißstorch hat in Europa noch einen Verwandten, den scheuen und noch viel selteneren Schwarzstorch (Ciconia nigra). Nicht nur in ihrer Gefiederfarbe unterscheiden die zwei Arten sich voneinander wie Tag und Nacht – in auffälligem Weiß der eine, der andere in schillernden Purpur- und Grüntönen, mit einer Aussparung nackter roter Haut um die Augen. Während Meister Adebar ein ausgesprochener Kulturfolger ist, meidet der Schwarzstorch die Nähe des Menschen. Eine Kombination aus dichtem, geschlossenem Laubwald und Fließgewässern bildet seinen Lebens-raum. Im Schutz der alten Baumkronen legt das Paar in einer starken Astgabel seinen Horst an. Bäche, Weiher und Moore im Wald bieten ihm Gelegenheiten zum Beutefang.

Während der Weißstorch seine Nahrung häufiger in Wiesen sucht und sich mehr an festen Unter-grund richtet, ist der Schwarzstorch in viel stärkerem Maß auf Wasser angewiesen. Frösche, Fische und Wasserinsekten stehen auf seinem Speiseplan. So vermeiden beide Arten, wo sie nebeneinander vorkommen, eine ständige Beute-Konkurrenz, können aber auch Seite an Seite im gleichen Gewässer stochern.

In Deutschland wird der Bestand auf etwa 300 Brutpaare geschätzt. Die Zunahme-Tendenz der Beobachtungen lässt derzeit aber die Frage noch offen, ob diese sich in der Folge einer momen-tanen Ausbreitung der Art vom ursprünglichen Verbreitungsgebiet nach Westen häufen oder tat-sächlich einen Anstieg des europäischen Bestandes dokumentieren. Es muss sich zeigen, ob der Schwarzstorch von den vielfältigen Maßnahmen des Naturschutzes in Deutschland und Bayern profitiert. Im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen gehört er jedenfalls ein paar wenigen Brutpaaren seit einigen Jahren zum festen Vogelbestand und wird es hoffentlich bleiben.

Wie sein Vetter zieht auch der Weißstorch auf der selben Ost- und Westroute nach Afrika, bricht aber im Durchschnitt einen halben bis einen Monat später auf. Der Zug führt die rot-schwarzen Thermikgleiter nicht ganz so weit wie manche Weißstörche, immerhin aber bis ins tropische Ost- und Westafrika.


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